Im November 2024 stieg der Housing Price Index (HPI) der Türkei um 2,8 % auf 155,4 Punkte und verzeichnete damit den stärksten monatlichen Anstieg seit drei Monaten. Auf Jahresbasis kletterten die Hauspreise um 29,4 %, wobei inflationsbereinigt jedoch ein realer Rückgang von 12 % zu verzeichnen war. Dies zeigt, dass die steigenden nominalen Preise die Inflation nicht übertreffen – ein anhaltendes Problem in der türkischen Wirtschaft.
Trotz eines offiziellen Zinssatzes von 50 % und der zurückhaltenden Kreditvergabe der Banken steigen die Hauspreise in der Türkei weiter entgegen aller Erwartungen. Dieses Paradoxon wirft eine entscheidende Frage auf: Was treibt die Nachfrage in einem derart herausfordernden wirtschaftlichen Umfeld an?
Die drei Metropolen führen den Anstieg an
Im November stiegen die Hauspreise in den wichtigsten Städten der Türkei landesweit an. Ankara verzeichnete mit 3,4 % den stärksten monatlichen Anstieg, gefolgt von Istanbul mit 2,9 % und Izmir mit 1,9 %. Auf Jahresbasis führte Ankara mit einem Zuwachs von 34,8 %, gefolgt von Izmir mit 26,7 % und Istanbul mit 26,2 %. Diese Zahlen deuten auf einen florierenden Immobilienmarkt trotz wirtschaftlicher Gegenwinde hin.
Theorien hinter dem Wohnungsboom
Leser und Analysten haben mehrere Erklärungen für diese Widerstandsfähigkeit vorgeschlagen:
- Erwartungen zukünftiger Preiserhöhungen: Der Haupttreiber des Anstiegs ist klassisches FOMO (Fear of Missing Out). Bei Zinssätzen auf einem so hohen Niveau haben viele potenzielle Käufer ihr Kapital in Sparkonten mit bis zu 50 % Zinsen gehalten. Aufgrund starker Gerüchte über Zinssenkungen Anfang 2025 wechseln diese Sparer nun in Immobilien, da niedrigere Zinsen zwangsläufig zu höheren Preisen führen werden.
- Bargeldkäufer dominieren: Da die Hypothekenkreditvergabe wegen der sehr hohen Zinsen nahezu zum Erliegen gekommen ist, scheinen wohlhabende Barinvestoren den Markt zu dominieren. Es kursieren auch Spekulationen über fingierte Verkäufe durch Bauträger.
- Ein sicherer Hafen für Vermögen: Da die Inflation die Ersparnisse entwertet und die türkische Lira an Attraktivität verliert, bleibt Immobilienbesitz eine der wenigen verlässlichen Anlagemöglichkeiten. Wohlhabende Käufer, darunter ausländische Investoren, sichern sich Immobilien als Absicherung gegen wirtschaftliche Instabilität.
- Druck durch den Mietmarkt: Die rapide steigenden Mieten veranlassen Investoren, Immobilien zu kaufen, um von attraktiven Mietrenditen zu profitieren – was die Nachfrage weiter anheizt.
- Soziale und wirtschaftliche Faktoren: Interne Migration sowie Wohnraummangel nach dem schweren Erdbeben 2023 setzen den Immobilienmarkt zusätzlich unter Druck.
Diskussion um eine Immobilienblase
Einige Analysten warnen, dass der türkische Immobilienmarkt eine der größten spekulativen Blasen weltweit sein könnte. Die in Dollar ausgewiesenen Preise sind historisch hoch, was Befürchtungen einer möglichen Korrektur aufkommen lässt. Dennoch argumentieren viele, dass der chronische Wohnungsmangel in der Türkei, kombiniert mit der anhaltenden wirtschaftlichen Unberechenbarkeit, den Preisanstieg stützen könnte. Da das Kaufvolumen auf einem Allzeittief liegt, blieben die Preise aufgrund der hohen Nachfrage in den Großstädten relativ stabil. Mit fallenden Zinssätzen wird erwartet, dass die Preise weiter steigen – dies scheint die Theorie einer Blase zu widerlegen. Die Prognose lautet, dass die aktuellen Preise im vierten Quartal 2024 das niedrigste Niveau darstellen werden.
Ausblick
Der Dezember gilt traditionell als umsatzstarker Monat, weshalb sich der türkische Immobilienmarkt weiterhin einer Phase der Volatilität gegenübersehen dürfte. Ob getrieben von spekulativem Verhalten, tatsächlicher Nachfrage oder Marktverzerrungen – eines scheint sicher: Der Wohnungsmarkt in der Türkei bleibt ein Rätsel in einer Welt wachsender Risiken und schrumpfender Erschwinglichkeit.